Rooftop

Die Dachterrasse ist an vielen Orten gewohnter Wohnraum, der sich zum Himmel hin öffnet und eine Perspektive von oben auf das urbane Geschehen ermöglicht. Als private Rückzugsmöglichkeit im Freien verschließt sie sich architektonisch nicht vollständig und hält die räumliche Verbindung zum öffentlichen Leben aufrecht, was sie lebendig macht. Auch in Literatur und Film treten Dachterrassen in ihrer architektursoziologischen Bedeutung auf. Besonders der Überblick und der Ausblick auf das unmittelbar Umliegende machen sie so reizvoll. Der Fotograf und Herausgeber Sohrab Hura schuf während des Lockdowns durch die Pandemie im Mai 2020 die Arbeit „Rooftop“. Darin dokumentiert er in voyeuristischer Manier den abendlichen Zeitvertreib seiner Nachbarschaft in Delhi. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen verlagerte sich das Leben in dieser Zeit nach oben. Jeden Abend suchte Hura – einem Ritual ähnlich – das Treiben unterm Himmel auf und entkam so für eine Zeit der beschränkten Perspektive auf sich und sein Barsati, ein Aufbau, bestehend aus einer Einzimmerwohnung auf dem Dach eines alten Wohnhauses im Süden der Stadt. Die Weiten des Himmels erschienen jetzt größer, als er es aus anderen Zeiten erinnerte. Das Bedürfnis nach sozialem Austausch und dem Umgeben-Sein von anderen Menschen wird nachvollziehbar. Die Fotografien erzählen vom Zurückgeworfen-Sein auf das Zuhause, von Isolation und dem Alleinsein, wie es die Menschen in der Pandemie erleben und wie es der Künstler bereits in einer früheren Lebensphase mit seiner kranken Mutter durchlebte und in der dreiteiligen Arbeit „SWEET LIFE“ verarbeitete. „Rooftop“ macht zudem darauf aufmerksam, wie müde unser Blick oft vor dem Gewohnten ist, das doch veränderlich bleibt. Die Fotografie selbst intensiviert dabei als sehendes Medium die Reflexion über den bewussten Blick.