Childhood

Die Kindheit ist ein Ort, an den wir als Erwachsene immer wieder zurückkehren. Wir erinnern die Anfänge der Aneignung der Welt und vollziehen die Entwicklung des Selbst nach. Daran geknüpft ist auch die Erfahrung der schicksalhaften Geworfenheit in familiäre und soziale Verhältnisse, die fortan den Lebensweg mitprägen. Mit der Anerkennung von Kindheit als eigene Lebensphase, der eine jahrhundertelange kulturelle, gesellschaftliche sowie sozialpolitische Entwicklung vorausgeht, passiert die Abgrenzung zum Erwachsensein, und eine besondere Berücksichtigung ist seither an diese fragile, schutzund fürsorgebedürftige Entwicklungsphase geknüpft. Arzu Sandal erzählt in „Childhood“ über ihre Erfahrung von häuslicher Gewalt in der Kindheit. Das frühe Erleben von Angst, das Ausgesetzt-Sein, das Sorgetragen für Geschwister, die Mutter und sich selbst, aber auch Bemühungen der Vertuschung prägen den Alltag Betroffener. Sandal nähert sich in „Childhood“ ihrer eigenen Kindheit wieder an. Dabei geht es ihr weniger um eine Nacherzählung als vielmehr um die Gefühle, mit denen die Erinnerungen verknüpft bleiben. Das Nebeneinander von aufgearbeiteten Fotografien aus Kindertagen und neuen analogen Aufnahmen vom Ort, in dem Sandal aufwuchs und den sie zehn Jahre lang mied, schafft einen distanzierten Blick auf das Erlebte. Das Trauma wird auf diese Weise für die Betrachtenden als abgehängte, unberechenbare und zeitlich entkoppelte Erinnerung nachvollziehbar.