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Josip Broz Tito

Tito, Macht, ein Selfie

Selbstporträt, 1961

Josip Broz Tito (1892-1980) führte als Marschall im Zweiten Weltkrieg die kommunistischen Partisanen im Kampf gegen die deutschen und italienischen Besatzer Jugoslawiens, die faschistischen Ustascha und die königstreuen Tschetniks. Nach dem Krieg wurde er zunächst Ministerpräsident (1945–53) und schließlich Staatspräsident (1953–80) der föderativen Volksrepublik Jugoslawien. In staatlich kontrollierten Ritualen feierte und verehrte man ihn als Held eines nationalen Mythos. Städte, Straßen und öffentliche Gebäude waren nach ihm benannt, sein Bildnis wurde auf Banknoten gedruckt und hing in Privathäusern, Schulen und Betrieben. Bei diesem für Diktaturen recht typischen, propagandistisch instrumentalisierten Personenkult ist es ungewöhnlich, dass Tito auch selbst zur Kamera griff. Auf seinen Reisen oder bei öffentlichen Veranstaltungen ließ er es sich nicht nehmen, seine eigenen Bilder zu machen – oder, wie hier im privaten Wintergarten, gar ein Selbstporträt zu fertigen.
Damit bedient er sich einem Mittel der Selbstbespiegelung und -vergewisserung mit langer kunstgeschichtlicher Tradition, das seit einigen Jahren als Selfie durch die sozialen Medien kursiert und die heutige Omnipräsenz des sich selbst inszenierenden Individuums beleuchtet.

Josip Broz Tito, Selbstporträt, Sommerresidenz Titos auf der Insel Vanga, Brijuni-Archipel, Kroatien, 1961 © Museum of Yugoslav History, Belgrad